Dienstag, 15. Januar 2013
Glaube, Liebe & Hoffnung
Es war ein Samstag und es war mitten in der Faschingszeit.
Mein Bruder und ich waren nachmittags noch in der Intensivstation des Klinikums und haben ihn besucht.

Zwei Wochen zuvor ist er während des Einkaufens zusammen gebrochen, aufgrund einer Gehirnblutung zusammen mit einem epileptischen Anfall.
Umgehend wurde er mit dem Krankenwagen ins Klinikum gebracht, meine Mutter wich nicht von seiner Seite. Das war nicht sein erster Aufenthalt im Krankenhaus.

Als er 35 Jahre jung war, wurde bei ihm Diabetes festgestellt und er musste umgehend seine Ernährung umstellen und täglich eine hohe Dosis Insulin spritzen.

Ein paar Jahre später ( 17.11.1985 ) ist er mit der rechten Hand in eine Druckerstanze gelangt. Per Helikopter kam er sofort ins Krankenhaus und dank des genialen Professors dort, wurde ihm die Hand nicht sofort amputiert. Die Hand und ein Teil des Unterarms wurden gerettet. Das ganze sah anschließend aus wie sehr helles Fischfilet, flacher als seine linke Hand und absolut steif und starr, als es nach Monaten und einigen Operationen zu heilen begann.

Ich war noch viel zu klein, als dies passierte und wusste gar nicht, was genau da passiert ist. Aber eines ist mir immer klar gewesen, diese Verletzung hat ihn nicht beeinträchtigt. Er hat alles versucht damit zu leben und trotzdem alles mit der rechten Hand machen zu können. Er hat sich extra eine Art "Füller-Schreib Vorrichtung" bauen lassen, damit er auch mit der rechten Hand schreiben konnte. Es erforderte zwar lange Übungszeit, aber er hat es geschafft.

Dann hatte er den ersten Herzinfarkt, Gehirnblutungen und Anfälle. Diese extreme Krankheitsphase dauert lange an. Er war ständig im Krankenhaus und auf Reha.
Die Krankheit zerrte auch an seinen Kräften, aber er versuchte alles, um trotzdem stark zu sein.

Als er dann das letzte Mal auf der Intensivstation lag, sagten die Ärzte noch, dass er auf dem Weg der Besserung sei. Deswegen sind mein Bruder & ich auch gegen Abend nach Regensburg gefahren.
Wir wollten etwas unternehmen.
Es war drei Uhr morgens als ich im Cafe Dombro beim Weisswurst Frühstück saß und mein Perlenarmband gerissen ist. Drei Perlen haben wir nicht wieder gefunden.
Circa eine Stunde später lag ich bereits im Bett, als mein Bruder mich am Festnetz anrief und sagte wir müssen sofort ins Krankenhaus nach Weiden fahren.
Komischerweise hatte ich genau in dieser Nacht das Handy aus, obwohl es sonst NIE aus war. Seitdem lasse ich das Handy nachts immer an....

Wir sind dann mit dem Auto nach Weiden gefahren und ich habe mir auf der Autofahrt, alle meine künstlichen Fingernägel runter gerissen...

Also wir ankamen und in sein Zimmer gingen, glaube ich, war er schon tot. Ich bin mir da nicht mehr sicher, weil ich dann noch alleine bei ihm im Zimmer war und mein Bruder und meine Mutter waren im Vorraum der Intensivstation... der Pfleger meinte, ich soll mich von ihm verabschieden. Und so lag ich seitlich bei ihm, weinend, den Arm um meinen toten und kalten Vater.

Nach einiger Zeit ging ich raus in den Vorraum, als die Tür des Aufzugs sich öffnete und meine Großeltern heraustraten. Meine Omi sagte schrill und laut: " Ist er schon tot"? Der Blick auf uns, beantwortet ihr die Frage ...Diesen Ausruf von meiner Omi werde ich NIE vergessen...


Mein Bruder saß von uns entfernt, am Boden zusammengekauert, mit dem Rücken ans Fenster gelehnt und versteckte sein Gesicht auf den angewinkelten Knien.

Mein Vater starb am 05. März 2000.
Sein Vater starb am 05. März 2008.

Um drei Uhr riss mein Perlenarmband, drei Perlen fehlen bis heute und drei Stunden später war er tot.

Später erzählte mir meine Mutter, dass mein Vater ihr vor seinem Tod erzählte : Entweder sterbe ich in drei Wochen, drei Monaten oder drei Jahren. Er starb nach drei Monaten.